Photo from my photoseries „Fog“ with Matilda Merkel

Sorry English- Readers this time only in German 😦

Indigo Summer 

Lisa war erst 13, als sie taub wurde. Sie hatte nicht etwa eine unheilbare Krankheit oder Gott bewahre – war ihr ein Ohrenkneifer ins Ohr gekrochen, als sie schlief und hatte ihren Hörnerv durchtrennt – vielmehr war der Verlust ihres Hörsinns bis heute eine Verkettung tragischer und mysteriöser Umstände.

Der Tag, an dem das Unglück geschah, war ein schöner Tag im Sauerländer Indigo Summer. Die Menschen hier nannten ihn so, weil die Blätter der Bäume in vielen dunkelblauen Schattierungen um die Wette leuchteten.

Lisa war mit zu einer Freundin gefahren, die ihre Clique gehässig die Mormonin nannte.

Eine Mormonin war sie definitiv nicht, aber in der freien – evangelischen Gemeinde, der sie angehörte, ziemte es sich, als Frau weder Hosen zu tragen, noch sich die Haare zu schneiden, so dass Lisa´s Freundin tatsächlich trotz ihrer jungen Jahre etwas Altbackenes anlastete.

Lisa scherte sich nicht, um das gehässige Getratsche ihrer Clique – sie mochte das Mädchen – auch, weil das Haus ihrer Familie, wie in eine Märchen gottverlassen an einen Waldrand im Sauerland lag. Das nächste Haus war weit weg – hier war ein Paradies zum Spielen und toben. Als Lisa jung war, saß man mit 13 noch nicht stundenlang vor dem Fernsehen, dem Internet, oder war schon aufgebrezelt, wie die Mädels bei Germany´s Next Top Model.

Jungs interessierten Lisa mit 13 ungefähr null und ihr Aussehen ging ihr auch ziemlich am Allerwertesten vorbei. Sie liebte die Natur, die Tiere, die im Wald im Unterholz raschelten, die Fledermäuse, die in der Abenddämmerung im Licht der Strassenlaternen umherflogen und den Uhu, der vor ihrem Fenster wohnte – auch, wenn der manchmal so laut uhute, dass sie bei Zeiten mit der Steinflitsche ein paar Steinchen an seinem Kopf vorbei schoss, damit er sich mal in einen anderen Baum verzog.

Lisa und ihre Freundin, die übrigens tragischerweise auch noch Wilma hieß – was ihr stets dumme Sprüche in der Schule einbrachte, wollten heute an einem kleinen Bachlauf mitten im Wald einen Damm bauen, um den angrenzenden Fluss zu überfluten.

Voller Tatendrang wanderten sie nach dem Mittagessen frisch gestärkt durch den hohen Fichtenwald. Überall knackte es im Unterholz, Tiere raschelten auf der Suche nach Bucheckern und der Wind rauschte in den Bäumen.

Hier und da gelang es einem Sonnenstrahl seinen Weg auf den trockenen Waldboden zu finden. Da dies´ aber eher selten vorkam, herrschte auf dem Weg auf dem Lisa und Wilma liefen, wohltuendes Dämmerlicht.

Die Stille, die hier herrschte war erfrischend nach sechs Stunden Schule und obwohl die Mädchen schon weit vom Haus entfernt waren, machte ihnen die Entfernung keine Angst. Sie waren es gewohnt in den Wäldern umherzustreifen.

Bald schon würden sie am Bach sein und vernahmen in weiter Ferne auch ein leises Plätschern, welches ihr Ziel ankündigte. Lachend kämpften sie sich durch die Äste der umgefallenen Bäume und das Klettengestrüpp bis sie plötzlich am Bachlauf standen.

Sofort begannen sie Steine übereinander zu häufen und schon nach kurzer Zeit staute sich das kleine Flüsschen erheblich, so dass sie beschlossen eine Pause mit den Broten einzulegen, die sie sich mitgenommen hatten.

Weil sie so sehr in ihre Arbeit vertieft waren, hatten sie gar nicht mitbekommen, dass im Wald eine Veränderung von statten gegangen war. Etwas Seltsames lag in der Luft, die Tiere hatten aufgehört im Unterholz zu rascheln und es wehte kein Lüftchen mehr. Lisa fröstelte und schaute zu ihrer Freundin hinüber, die mit seltsam getriebenen Blick, blass geworden ihr Brot mümmelte.

Lisa liess ihren Blick über den Wald wandern und was ihr immer so vertraut gewesen war, stellte ihr nun die Nackenhaare auf. „Was ist hier bloss los!“, nuschelte sie.

Wilma gab ihr keine Antwort und starrte mit bleicher Miene angestrengt in die Ferne. Die Fichtenwipfeln schienen binnen kürzester Zeit dichter geworden zu sein, denn Lisa konnte kaum noch bis zur nächsten Biegung des Bachlaufes sehen – selbst wenn sie die Augen zusammen kniff, war es als wäre plötzlich Nebel aufgezogen, der ihr die Sicht nahm.

Sie blickte auf die Uhr, die zu ihrem Erstaunen bei 14.25 Uhr stehengeblieben war. Sie tippte mit dem Nagel auf das Display – Nichts! „Sag mal,“ sagte Wilma, „siehst du das auch?“

Lisa glotzte Wilma an, die noch immer bleich in die Ferne starrte.

Sie folgte ihre Blicken, konnte aber im Dämmerlicht fast nichts erkennen. „Nein ich sehe nichts,“ flüsterte sie und erschrak fast über den Klang ihrer eigenen Stimme, die die Stille zerriss.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie in der Ferne ein dumpfes Geräusch hörte. Sie dachte schon fast, dass sie sich täuschte, als sie es nun deutlicher vernahm.

Es hörte sich an, als würde jemand mit einem großen Hammer auf Holz schlagen. Wilma musste es wohl auch hören, denn sie begann, wie verrückt zu zittern. Das Geräusch kam eindeutig näher. Beide Mädchen packten betont langsam ihre Brote ein und wohl, um sich selbst zu beruhigen, schlenderten sie gewohnt lässig vom Bachlauf weg.

Als hätte das Geräusch nur darauf gewartet, kamen die Schläge nun in kurzen Abständen immer näher und wenn das ohrenbetäubende Hämmern nicht schon beängstigend genug gewesen wäre, begann nun auch noch das Unterholz zu leben.

Lisa hatte noch nie so viele Tiere auf einem Haufen gesehen. Sie stoben aus ihren Bauten, und Erdmulden, von den Bäumen – rannten im Zick- Zack vor den Mädchen her – über Ihnen flogen Spechte und Eichelhäher und Eichhörnchen sprangen von Wipfel zu Wipfel.

Die Stille wich dem Getöse von gebrochene Ästen, Hufen und erschreckten Lauten der Tiere, die alle in panischer Angst in die entgegengesetzte Richtung der Schläge rannten.

Lisa und Wilma, die dieser Anblick vollkommen überforderte, waren stehen geblieben – zum Teil vor ungläubigen Stauen, aber auch, um nicht überrannt zu werden.

In Ihrem Erstaunen vergassen sie für eine paar Minuten das Geräusch, welches unnachgiebig näher kam.  Buhm…. Buhm….Buhm!

Lisa bekam es erst wieder mit, als sie meinte Erschütterungen im Boden zu spüren. Sie packte Wilma am Arm und begann zu rennen, wie sie noch nie im Leben gerannt war. Die Mädchen schlugen Haken, fielen und standen auf, sprangen und verschwammen bald mit den flüchtenden Tieren. Je näher das Geräusch kam, desto schlechter ging es Lisa, ihr Kopf dröhnte und die Schläge stachen in ihrem Trommelfell, als würde jemand ihr eine Schere ins Ohr stoßen. Wären die Mädchen nicht durch die flüchtenden Tiere weitergetrieben worden, hätte Lisa sich sicher vor Schmerzen auf dem Boden gewälzt, denn mittlerweile merkte sie, dass ihr eine Rinnsal Blut aus den Ohren lief.

Nur noch ein paar Meter, dachte sie immer wieder und riss Wilma unablässig weiter. Unerwartet tauchte vor ihnen der Waldrand auf – dessen weisses Licht sie fast blendete. Die Mädchen setzen zu den letzen Metern an und hechteten aus dem Wald auf die Lichtung.

Die nächsten Momente waren für Lisa, wie Traumfetzen. Sie brach zwischen den Tieren zusammen, die am Waldrand standen und wuselten und presste sich schmerzerfüllt die Hände auf die Ohren. Wilma versuchte ihre Freundin zu beruhigen, war jedoch selbst noch so aufgeregt, dass ihr das gründlich misslang. Lisa schwanden die Sinne und als sie wieder zu sich kam, herrschte endlich Stille.

Sie öffnete die Augen und sah die Tiere, die immer noch verängstigt in den Wald starrten. Auch Lisa sah dort hin und versuchte etwas zu erkennen, konnte jedoch nur einige Meter in den Wald schauen, bis die Dämmerung ihr die Sicht nahm.

Das Klopfen hatte aufgehört – Moment mal- da war überhaupt nichts mehr! Lisa schnipste mit den Fingern und wartete auf das vertraute schnapp – schnapp- Nichts!

Sie starrte Wilma an, die immer noch neben ihr hockte und sagte: „Wilma, was passiert hier?“ Nichts! Sie bewegte die Lippen wusste aber nicht, ob etwas aus ihrer Kehle gekommen war. Sie sah, wie sich Wilmas Lippen bewegten – sie hörte nichts.! „Wilma ich höre Dich nicht,“ formten ihre Lippen – dann schwanden ihr die Sinne.

Sie wachte in ihrem eigene Bett auf. Ihre Mutter saß neben ihr und beäugte sie kritisch. Als Stella die Augen öffnete, hatte ihre Mutter schon einen Zettelkatalog vorbereitet, den sie nun in die Höhe hielt. Lisa las und verstand nur, dass sie nicht mehr hören konnte, der Arzt aber keine Ursache finden konnte. Was ist mit dem Ding im Wald? Vielleicht ist das Hämmern schuld und was ist mit den Tieren? Lisa schossen so vielen Fragen durch den Kopf… aber sie war so müde…

Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, war es Tag und Lisa´s Hörsinn war noch nicht wieder hergestellt. Sie hatte wirre Träume gehabt von brennenden Tieren, Menschen die schrieen, von einem Wesen mit gelben Augen in der Dunkelheit, aber auch von dem seichten Geräusch des Windes, der durch Blätter raschelt und dem Plätschern des Baches, an dem sie noch vor wenigen Stunden gewesen war

Lisa zog sich an und machte sich mit dem Fahrrad auf dem Weg zu Wilma – was aufgrund ihres Hörverlustes mehr als anstrengend war. Sie hörte die Autos nicht, die ihren Weg kreuzten und erschreckte sich jedes Mal fast zu Tode, wenn Eines von Ihnen an ihr vorbei fuhr.

An dem Haus der Familie von Wilma angekommen, klingelte sie. Da aber niemand öffnete und sie nicht hören konnte, ob die Klingel funktionierte, schlich sie ums Haus und spähte ins Wohnzimmer: Leer! Was zum Teufel…! 

Lisa ging weiter und schaute in das Zimmer, das Wilmas jüngsten Bruder gehörte. Auch hier stand nichts mehr drin! Lisa war so vor den Kopf gestossen, dass sie erstmal auf einem zurückgelassenen Gartenstuhl niedersank. Was war hier los? Sie starrte zum Waldrand, der heute so friedlich da lag. Ihr war es, als könnte sie immer noch die Schreie der Tiere hören, die in ihrem Kopf dröhnten.

Sie ging zur Lichtung und bemerkte, dass das Gras immer noch extrem niedergedrückt war. Als sie an einigen Grasbüscheln Blut sah wurde ihr übel. Sie starrte in den Wald, sah jedoch nichts Beunruhigendes. Sie lauschte in ihr Inneres und fröstelte…

Als sie nach Hause kam, schrieb sie ihrer Mutter auf, was passiert war – von der Geschichte im Wald bis zu Wilmas Verschwinden.

Was Wilma anging: nun- ihre Mutter alarmierte die Polizei, die die Familie jedoch nie wieder auffinden konnte. Sie waren nachdem sie Lisa ins Krankenhaus gebracht hatten, wie vom Erdboden verschluckt.

Für die Geschichte im Wald bekam Lisa einen Therapeuten an die Seite gestellt, der sie auf eine posttraumatische Belastungsstörung behandelte, mit der angeblich auch ihr Hörverlust zusammenhängen sollte.

Über das Klopfen und die flüchtenden Tiere verlor sie schon bald kein Wort

mehr – denn sie erntete nur seltsam- mitleidige Blicke.

Lisa begab sich bald nach dem Ereignis auf die Suche nach anderen unerklärbaren Phänomen, die ihrem ähnelten, fand viele Bericht  über den Slender – Man, böse Waldgeister und Co -, begab sich in Hypnose- Therapien, zu Schamanen und Heilpraktikern doch ohne Erfolg: ihr Gehör bekam sie bis an ihr Lebensende nicht wieder.

Die letzte Geräusche, die sie gehört hatte, verfolgte sie jedoch seit jenem Tag, bis in den Tod; es war das Klopfen im Wald und die angsterfüllten Laute der Tiere, die um ihr Leben rannten und oft noch erwachte Lisa aus der Stille und hörte die Schreie ihrer Freundin Wilma.

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4 Gedanken zu “(Grusel-) Kurzgeschichte fürs Wochenende

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